Zählt der Gehörschutz beim Grenzwert mit?
Es kommt darauf an, gegen welchen Wert Sie prüfen — und in Deutschland lauten die Zahlen anders als in der EU-Richtlinie.
Bei den Auslösewerten von 80 und 85 dB(A) wird die dämmende Wirkung des Gehörschutzes ausdrücklich nicht berücksichtigt. Beim maximal zulässigen Expositionswert wird sie berücksichtigt.
Dieser maximal zulässige Expositionswert liegt in Deutschland bei 85 dB(A), nicht bei den 87 dB(A) der Richtlinie. Einen 87-dB(A)-Wert kennt das deutsche Recht nicht.
01Was die LärmVibrationsArbSchV festlegt
§ 6 der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung vom 6. März 2007 nennt zwei Paare von Auslösewerten für den Tages-Lärmexpositionspegel LEX,8h und den Spitzenschalldruckpegel LpC,peak: die unteren Auslösewerte bei 80 dB(A) beziehungsweise 135 dB(C), die oberen bei 85 dB(A) beziehungsweise 137 dB(C).
Derselbe Paragraph stellt klar, dass bei der Anwendung dieser Auslösewerte die dämmende Wirkung eines persönlichen Gehörschutzes der Beschäftigten nicht berücksichtigt wird. Die Auslösewerte beschreiben also, was der Arbeitsplatz mit dem Menschen macht — nicht, was nach dem Gehörschutz am Trommelfell ankommt.
§ 8 wechselt genau dort die Grundlage. Der Gehörschutz ist so auszuwählen, dass der auf das Gehör einwirkende Lärm die maximal zulässigen Expositionswerte von LEX,8h = 85 dB(A) beziehungsweise LpC,peak = 137 dB(C) nicht überschreitet. Hier zählt die Dämmwirkung mit.
0285 dB(A) steht zweimal — und meint zwei verschiedene Dinge
Das ist die Stelle, an der es sich lohnt, langsamer zu lesen. Dieselbe Zahl, 85 dB(A), steht zwei Paragraphen voneinander entfernt in derselben Verordnung, und sie wird zweimal auf unterschiedlicher Grundlage bestimmt.
In § 6 ist sie der obere Auslösewert, ermittelt ohne Gehörschutz. Wird sie erreicht, muss der Arbeitgeber die Benutzung des Gehörschutzes sicherstellen, den Lärmbereich kennzeichnen und arbeitsmedizinische Vorsorge veranlassen.
In § 8 ist sie der maximal zulässige Expositionswert, ermittelt mit Gehörschutz. Wird sie dort überschritten, war der Gehörschutz falsch ausgewählt.
Wer die Dämmwirkung schon beim oberen Auslösewert anrechnet, meldet zu wenig: Die Pflichten aus § 6 werden auf dem Papier nie ausgelöst. Wer sie beim maximal zulässigen Expositionswert weglässt, meldet zu viel und stoppt Arbeiten, die zulässig waren. Der Fehler geht in beide Richtungen, und keine davon ist die sichere Seite.
03Deutschland ist strenger als die Richtlinie
Die Richtlinie 2003/10/EG setzt Mindestanforderungen; die Mitgliedstaaten dürfen darüber hinausgehen. Deutschland hat genau das getan. Der Expositionsgrenzwert der Richtlinie liegt bei 87 dB(A) und 200 Pa, also 140 dB(C). Deutschland liegt bei 85 dB(A) und 137 dB(C).
Praktisch heißt das: Wer in Deutschland nach einer englischsprachigen Quelle arbeitet, rechnet mit 2 dB zu viel Spielraum — und beim Spitzenschalldruckpegel mit 3 dB zu viel.
| Rechtsraum | Unterer Wert | Oberer Wert | Obergrenze | Gehörschutz zählt bei der Obergrenze |
|---|---|---|---|---|
| Deutschland LärmVibrationsArbSchV § 6, § 8 | 80 dB(A)135 dB(C) · unterer Auslösewert | 85 dB(A)137 dB(C) · oberer Auslösewert | 85 dB(A)137 dB(C) · maximal zulässiger Expositionswert | Ja |
| EU-Richtlinie 2003/10/EG, Art. 3 | 80 dB(A)112 Pa · 135 dB(C) | 85 dB(A)140 Pa · 137 dB(C) | 87 dB(A)200 Pa · 140 dB(C) | Ja |
| Litauen A1-103/V-265 | 80 dB(A) | 85 dB(A) | 87 dB(A)Richtlinie wortgleich übernommen | Ja |
| Polen Dz.U. 2005 nr 157 poz. 1318 · Dz.U. 2018 poz. 1286 | 80 dBpróg działania | — | 85 dBNDN · zusätzlich LA,max 115 dB und 135 dB(C) | Ja§ 9.1, gegen dieselben 85 dB |
Die Spitzenwerte stehen in der Richtlinie in Pascal; die dB(C)-Entsprechungen sind zum Vergleich angegeben. Alle Rechtsquellen sind am Ende der Seite verlinkt.
Für Fachkräfte für Arbeitssicherheit in Konzernen mit Standorten in mehreren Mitgliedstaaten ist das mehr als eine Fußnote: Eine Beurteilung, die in Vilnius korrekt ist, kann in Bochum eine Überschreitung sein, ohne dass sich an der Messung etwas geändert hat.
04Was das für einen Rechner bedeutet
Halo HSE und der kostenlose Rechner auf dieser Website ermitteln die Tages-Lärmexposition am Ohr ohne Berücksichtigung des Gehörschutzes. Das ist die richtige Grundlage für die unteren und oberen Auslösewerte. Es ist nicht die Grundlage für den maximal zulässigen Expositionswert nach § 8.
Das Ergebnis kann Ihnen also sagen, dass die Exposition ohne Gehörschutz über 85 dB(A) liegt. Es kann Ihnen nicht sagen, dass der maximal zulässige Expositionswert überschritten wurde — dafür müsste die Software wissen, welcher Gehörschutz tatsächlich getragen wird. Der Spitzenschalldruckpegel wird gar nicht berechnet; er ist eine eigene Messgröße mit eigenen Werten.
Diese Grenzen stehen in der App auf dem Bildschirm, dort wo man sie sieht, und nicht in einer Fußnote.
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05Quellen
- Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung vom 6. März 2007, § 6 und § 8 Auslösewerte und maximal zulässige Expositionswerte. gesetze-im-internet.de
- Richtlinie 2003/10/EG, Artikel 3 Expositionsgrenzwerte und Auslösewerte der EU sowie die Regel zur Dämmwirkung. eur-lex.europa.eu
- DGUV Information 209-023, Lärm am Arbeitsplatz Praxisnahe Erläuterung der Verordnung. publikationen.dguv.de
- Darbuotojų apsaugos nuo triukšmo keliamos rizikos nuostatai, A1-103/V-265 Litauische Umsetzung, zum Vergleich. e-seimas.lrs.lt
- Dz.U. 2018 poz. 1286 und Dz.U. 2005 nr 157 poz. 1318 Polnische NDN-Werte und Auslöseschwellen, zum Vergleich. isap.sejm.gov.pl
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